Zwei Jahre habe ich in Rom gelebt, erstmals während meines
Erasmus-Aufenthaltes 1998/99 und dann im Jahre 2002, als ich dort meine
Diplomarbeit geschrieben habe.
Ich habe auf dem Campingplatz und in drei verschiedenen Wohnungen - mit
meinem Kommilitonen Wolfgang, mit drei Süditalienern und dann mit
meiner Freundin - gelebt, in drei verschiedenen Vierteln (Salario,
Prenestino, Torre Maura). Ich hatte gute Nachbarn, nervige Nachbarn,
laute Nachbarn und freundliche Nachbarn.
Einen Mietvertrag hatte ich nicht. Unsere Miete ging schwarz direkt in
die Kasse der im Erdgeschoss befindlichen Bar - der Barbesitzer war
unser Vermieter.
Jeden Samstag abend, direkt nach Ladenschluss, ging uns in der WG das
Klopapier aus. Einmal war das Klo sogar kaputt und wir mussten für
zwei Tage an der Uni unsere Notdurft erledigen (bzw. wir haben ins
Bidet gepinkelt...).
Man hat versucht, die Nummernschilder meines Autos zu klauen (ist an
einer festgerosteten Schraube gescheitert) und auch mein Auto wollte
man aufbrechen - vermutlich, um im Übermut den Tank leer zu fahren. Zu
stehlen gab es nämlich nichts und mein Auto war auch nichts wert.
Es war sehr umständlich, um an eine Aufenthaltsgenehmigung, einen
Codice Fiscale und den Studentenausweis zu kommen - um von der
Mensakarte erst gar nicht zu reden.
Ich hatte mehr oder weniger unangenehme Erfahrungen mit Carabinieri,
Polizia di Stato und Guardia di Finanza - nur die Feuerwehr ist mir bis
jetzt (zum Glück) erspart geblieben.
Der öffentliche Nahverkehr streikte dauernd - meist erfuhr ich erst
davon, als ich schon mit Straßen- und U-Bahn zur Uni gefahren war.
Meine Linien streikten nie.
Krisen gab es auch, vor allem nach den ersten drei Monaten. Nichts
funktionierte richtig, die Bahn kam nie, die Professoren zu spät und
oftmals fiel die Vorlesung ohne Vorankündigung aus. Die Verständigung
funktionierte anfangs eher schlecht, die Stadt war groß, laut, von
Baustellen verunstaltet, alle Sehenswürdigkeiten hinter Gerüsten
versteckt. Es war hart.
Und dennoch: ich liebe diese Stadt.
Allen negativen Erfahrungen und Krisen zum Trotz. Denn diese Stadt hat
eines: Atmosphäre. Überall trifft man auf Überreste aus vergangenen
Epochen, wird Geschichte lebendig. Der Himmel ist meistens strahlend
blau, die Sonne scheint fast immer. An Heilig Abend habe ich mir im
Kolosseum, welches wir quasi für uns hatten, die Sonne auf den Pelz
brennen lassen. An warmen Sommerabenden habe ich das Treiben auf der
Spanischen Treppe beobachtet, mich mit Freunden auf dem Campo de' Fiori
getroffen. Der Hunger wird mit einem Stück Pizza auf die Hand
gestillt, Freunde laden einen zum Pasta essen ein.
Denn diese Stadt hat zweitens: Die herzlichsten, freundlichsten,
hilfsbereitesten Bewohner, die eine Großstadt haben kann. Ich weiß
nicht, wo ich ohne meine römischen Freunde (und natürlich Wolfgang
und später Claudia) geblieben wäre. Jegliche Probleme - Studium,
Sprache, Ortsunkenntnisse, kulturelle Missverständnisse ("das
sind keine zwei Kloschüsseln, eine davon ist das Bidet") wurden
dank ihrer Hilfe ausgeräumt und zu lustigen Anekdoten. Kontakt habe
ich noch heute zu einigen Römern.
Jedes Mal, wenn ich in Rom ankomme, sei es per Bahn oder mit dem Auto,
sobald ich die Stadtgrenze überschritten habe oder den Fuß auf den
Boden gesetzt habe, fühle ich mich wieder daheim. Ich kenne die
Menschen, ihre Eigenarten, genieße den chaotischen Verkehr, die
Touristen mit dem Stadtplan in der Hand, fahre mit den alten Straßenbahnen,
laufe durch mir bekannte Straßen und suche nach noch unbekannten
Ecken. Ich lebe auf, atme durch und genieße meine Zeit in Rom - welche
in letzter Zeit leider immer zu kurz ist.
Aber - und das ist sicher - ich werde wiederkommen. Schließlich habe
ich einst drei Münzen in die Fontana di Trevi geworfen:
- Eine, um zurückzukehren,
- die zweite, um mich in Rom zu verlieben,
- die dritte, um in Rom zu heiraten.
(Geschrieben am 06.04.2004, kurz vor der österlichen Romreise)