Die Sonne scheint, der Himmel wölbt sich strahlend blau über der
Ewigen Stadt. Wir stehen an der Via Prenestina und warten auf die Straßenbahn.
Wir – das sind Volker, Student der Physik, Agnes, Studentin der
Chemietechnik und ich. Student der Raumplanung, momentan im
Auslandsjahr in Rom. Ich lebe in der Ewigen Stadt, Volker und Agnes
sind zu Besuch hier. Wir haben sozusagen unsere Dortmunder
Wohngemeinschaft über Weihnachten nach Rom verlegt. Nur Daniel, der
Vierte im Bunde, fehlt.
Mittlerweile warten wir schon über eine Viertelstunde auf die Straßenbahn,
was nicht ungewöhnlich ist. Weit und breit ist keine Straßenbahn in
Sicht. Die vierspurige, sonst stark befahrene Via Prenestina ist leer,
nur hin und wieder kommt ein Auto vorbei. Die Straße ist hier
schnurgerade. Wir können erkennen, dass auch an anderen Haltestellen
Personen stehen und warten.
Nach einer halben Stunde des Wartens haben wir genug, wir entscheiden
uns, das Auto zu nehmen. Die städtischen Verkehrsbetriebe Roms haben
heute Ruhetag.
Unser Ziel ist das Kolosseum, wir parken das Auto in seiner Nähe.
Selten habe ich die Straßen Roms so leer und ruhig gesehen wie heute.
Es ist Heilig Abend, die Römer bereiten sich auf das „cenone“, das
traditionelle, große Abendessen im Kreise der Familie vor. Dieses
Abendessen läutet die römischen Weihnachtsfestivitäten ein.
Wir sind fast alleine im Kolosseum, nur wenige Besucher haben sich
heute hierher verirrt. Wir schlendern durch das Gebäude, lassen es auf
uns wirken. Stellen uns vor, wie es hier vor rund zwei Jahrtausenden
zuging, als „Brot und Spiele“ das Mittel waren, um das Volk bei
Laune zu halten. Löwen- und Gladiatorenkämpfe, Seeschlachten und
Christenverbrennungen, das Kolosseum hat sie alle gesehen über die
Jahrhunderte. Eigentlich heißt das Kolosseum gar nicht so, sondern
Amphitheater der Flavier. Die Flavier haben es erbauen lassen, 84 nach
Christi Geburt. Der Name Kolosseum kommt von einer kolossalen Statue
Neros, die in seiner Nähe stand. Die Statue hat die Zeiten nicht überdauert,
der Name hat sich auf das Amphitheater übertragen.
Es ist Winter, auch in Rom. Die Luft ist kühl aber die Sonne brennt
auf unsere dunklen Winterjacken, so dass uns darin mollig warm wird.
Wir schließen die Augen und lassen uns die Sonne ins Gesicht scheinen.
Um kurz vor 16 Uhr läuft einer der Wärter an uns vorbei, zeigt auf
die Uhr und spricht die Worte „please, close“. Er geht weiter, wir
bleiben ratlos zurück, bis mir einfällt, dass das Kolosseum um 16 Uhr
schließt. Der Wärter hat uns nur darauf hingewiesen.
Widerwillig begeben wir uns zum Ausgang, es gefällt uns hier an diesem
ruhigen und sonnigen Ort. Aber wir haben noch Einiges vor uns heute.
* * *
Mittlerweile ist es nach 19 Uhr, wir sind bei Wolfgang, einem
Dortmunder Kommilitonen und gutem Freund, mit dem ich dreieinhalb
Monate zuvor das „Abenteuer Rom“ begonnen hatte. Wir wohnen nicht
zusammen, um uns nicht zu arg auf der Pelle zu sitzen. In seiner gemütlichen
Altbauwohnung in der Nähe der Porta Pia werden wir heute zu viert
Weihnachten feiern.
In der Ecke des Ess- und Wohnzimmers steht ein kleiner Weihnachtsbaum,
den Wolfgang und ich einige Tage zuvor im Kaufhaus Rinascente an der
Piazza Fiume gekauft haben. Eine rote Plastikkette, bunte Stoffkugeln
und eine Lichterkette stellen den zugegeben improvisierten Schmuck dar.
Es reicht, um ein weihnachtliches Gefühl zu schaffen. Wir fühlen,
dass es Weihnachten ist, dafür brauchen wir keine tollen
Weihnachtsdekorationen. Geschenke wird es auch keine geben, das hatten
wir vorher so abgemacht.
Wir hören Musik, unterhalten uns, kochen – und essen. Wir bereiten
einen Gang zu, setzen uns dann an den Tisch und essen. Wenn die Teller
leer sind, wird der nächste Gang in Angriff genommen. So geht das den
ganzen Abend, bis halb drei morgens.
Zur Vorspeise gibt es Salat, als ersten Gang Spaghetti mit Meeresfrüchten;
Volker und Agnes sind Vegetarier. Das Hauptgericht besteht aus
Seebarsch mit Rosmarinkartoffeln. Jeder muss seinen Fisch selbst
ausnehmen, was für Heiterkeit sorgt. Zum Abschluss, es geht
mittlerweile auf zwei Uhr zu, gibt es Schokoladenkuchen mit Eis. Den
Kuchen hat Wolfgang vorher zubereitet, das Eis haben wir mitgebracht.
Da wir langsam gegessen haben und zwischen den Gängen längere Pausen
eingelegt haben, fühlen wir uns zwar gesättigt, aber nicht voll. Wir
unterhalten uns noch eine Weile, tauschen Erinnerungen und Anekdoten
aus, bevor wir uns gegen drei Uhr morgens auf den Heimweg machen.
Wolfgang bleibt alleine mit dem dreckigen Geschirr zurück.
Daheim angekommen, fallen wir müde aber glücklich in unsere Betten.
Es war ein schöner, erinnerungswürdiger Heiliger Abend.
(Geschrieben am 29.09.2004)